Sichtbarkeit — und die liebe Verletzlichkeit
Ein Weg, wie wir uns authentisch zeigen und mit unserer Verletzlichkeit umgehen können
Dieser Artikel sollte eigentlich gar kein Artikel werden. Er sollte zunächst nur eine persönliche Reflexionsnotiz in meinem Handy sein. Das mache ich manchmal, wenn ich mich innerlich unklar fühle und ich mich selbst besser verstehen will. Doch während ich die ersten Sätze geschrieben habe, sagte mir eine innere Stimme: Genau das solltest du zeigen, denn darin liegt die Antwort, die du suchst.
Ich merkte, wie zwei Teile in mir eine innere Diskussion führten: nur „die starken“ Teilaspekte zeigen und mein wahres, ganzes Selbst verstecken vs. wirklich gesehen werden.
Dann wurde mir klar, dass mein Weg durch Letzteres führt. Ich muss durch diese Tür gehen. Immer wieder. Nicht, weil es von mir erwartet wird, sondern weil ich weiß, dass mich hinter dieser Tür meine Expansion erwartet.
Die Tür…
Manchmal bin ich in diesem Zustand.
Ich will etwas, aber mein Körper will nicht.
Ich will kreativ sein und inspirierend, aber ich fühle mich nicht inspiriert.
Ich will meine Menschen anziehen, aber ich spüre Widerstand.
Ich will Erfolge sehen und Fortschritte, aber sehe nur Stillstand.
Ich will ein fließender Kanal sein für das Feuer, die Weisheit, die Kreativität, die Fülle in mir. Aber es will nichts aus mir herausfließen.
Ich will mich zum Fließen bringen, aber stoße auf Widerstand.
Ich will etwas sagen, aber ich habe nichts Schlaues zu sagen — und das andere, was ich sagen könnte (und was mich durchaus auch zum Fließen bringen würde!), fühlt sich zu verletzlich an.
Also bleibe ich in diesem Zwischenraum hängen. Ein Raum, der sich wie ein Vakuum anfühlt.
Dann, inmitten dieses Vakuums, kommt mir ein erhellender Gedanke: Vielleicht ist genau das der Grund für meinen inneren Widerstand? Genau diese Ängste. Genau dieser innere Zwiespalt. Und dann ist sie wieder da: die Verletzlichkeit.
Sie droht mir. Vor allem mit Scham. Und ihre Drohungen sind sehr klar:
„Was, wenn das zu schwach wirkt und dich die Menschen nicht mehr ernst nehmen?“
„Was, wenn dich jemand kritisiert oder beschämt dafür, dass du dich hier so zeigst?“
„Ein ausgebildeter Coach sollte sich nicht so fühlen — sie sollte immer eine Antwort parat haben, sich immer selbst zu helfen wissen und ein perfektes Beispiel für andere sein.“ (NÖ.)
„Was, wenn ich WIRKLICH GESEHEN werde? Und alle dann sehen, dass ich eigentlich auch nur ein Mensch mit Schwächen bin?“
Oder gar noch schlimmer:
„Was, wenn jemand nicht versteht, warum du das machst, und dich tatsächlich in dem Licht sieht, in dem du auf keinen Fall gesehen werden willst?“
Dann fällt mir zu meiner Erleichterung ein: Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch. Ein Mensch mit Schwächen und Stärken. Ich muss nicht perfekt sein. Kann ich auch nicht. Eine Berufsbezeichnung sollte mich nicht in meinem wahren Selbst eingrenzen — sondern es entfachen! (Sonst sollte ich mir mal Gedanken über meinen Beruf machen.)
Ich darf Fehler machen.
Ich muss mich nicht beweisen.
Ich darf mich stark zeigen. Ich darf mich schwach zeigen. Denn weder das eine noch das andere definiert das, was ich wirklich bin.
Ich darf über meine Gefühle sprechen und erwarten, dass die richtigen Menschen das auch richtig sehen und hören.
Ich bin bereit, meinen Perfektionismus loszulassen und ihn durch Menschlichkeit zu ersetzen.
ICH DARF ICH SELBST SEIN.
Ja. Die Verletzlichkeit bleibt dennoch bestehen. Sie ist eine menschliche Begleiterscheinung der Sichtbarkeit: wie ein blühender Baum im Sommer, der mit seiner sichtbaren Blüte auch den größten Schatten wirft.
Mir ist klar geworden: Es geht gar nicht darum, den Schatten zu bekämpfen — denn sonst verlieren wir uns in ihm. Sondern darum, ihn als Teil von uns zu akzeptieren und mit ihm zu wachsen.
… und ihn vielleicht eines Tages zu einem guten, alten — manchmal nervigen und manchmal bereichernden — Freund zu machen.
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