Mein Leben lang suchte ich - dabei war es schon immer dieser eine Augenblick

Nicht die Träume, nicht die Zukunft. Was uns unsere Seele vielleicht wirklich all die Zeit sagen will.

Hell, dunkel, hell, dunkel, hell, dunkel, hell, dunkel … Die Straßenlichter fliegen an mir vorbei, während wir durch den Tunnel fahren. Ich schaue durchs Fenster und sitze auf der Rückbank. Vorne sehe ich meine Mutter am Lenkrad. Mein Vater sitzt daneben. Mein älterer Bruder links neben mir. Irgendeine Musik läuft verschwommen im Hintergrund. Ich erinnere mich nur an diese Bewegungen. An die vielen Lichter im Tunnel und daran, wie sie abwechselnd mit den Zwischenräumen an mir vorbeischwimmen.

Ich öffne die Augen und schaue durchs Fenster. Es ist 30 Jahre her. Mein Vater längst nicht mehr hier. Meine Mutter heute wieder nach Kroatien zurückgefahren. Und ich bin selbst Mutter geworden. Und mein Bruder Vater.

Vor mir ist der Himmel grau und eine große alte Birke tanzt hin und her im Wind.

Da ist sie wieder. Diese alte Trauer der Vergänglichkeit. Alles bewegt sich. Alles vergeht. In meinem Kopf erscheinen Erinnerungen und Bilder aus der Zukunft. Ich sehe vor meinem inneren Auge kurz meinen Sohn wie er schon 12 Jahre alt ist. Und mich selbst als einen ganz anderen Menschen als heute. Eine Wehmut durchzieht meinen Körper und treibt mir die Tränen in die Augen.

Mein kleiner Sohn rennt unten im Wohnzimmer herum und singt vor sich hin, während mein Mann das Mittagessen kocht.

Eigentlich wollte ich oben nur meditieren. Ein bisschen für mich sein. Meinen Kaffee in Ruhe trinken und in mich hineinspüren, was diese Woche für mein Herzensbusiness zu tun ist. Das Wort Business nimmt meinem Text die ganze Emotionalität und verleiht ihm einen Hauch von Metallik. Vielleicht aber an dieser Stelle genau die richtige Prise, denn es sollte ja eigentlich nicht schwer werden.

Und doch ruft es mich gerade, diese inneren Bewegungen, die mich bei der Meditation erfasst haben, aufzuschreiben. Insbesondere diese eine Bewegung, die zum Schluss kam. Nämlich diese …

All die Jahre strebte ich nach einer Version von mir selbst, die nicht mehr sucht, sondern findet. Nach einer Version, die nicht mehr sehnsüchtig in die Zukunft blickt, sondern dankbar nach hinten schaut. Nach einer Version, die endlich all die Ziele erreicht hat, nach denen ich schon so lange gestrebt habe. Ein erfolgreiches Einzelunternehmen. Wertschätzende Kunden. Dieses eine Zuhause, das mich seit Jahren in meinen Träumen verfolgt. Der kleine Waldweg, an dem ich mit meinem Hund jeden Morgen spazieren gehe. Der Garten, in dem man das Vogelgezwitscher zur Mittagsstunde und aus der Ferne die Kuhglocken hört.

Da war immer diese Sehnsucht in mir. Nach diesem endgültigen Ankommen an einem Ort, an dem die Suche endlich vorbei ist. In dem das ruhige, friedvolle Leben beginnen kann.

Und so sah ich mich auf diesem Balkon der Zukunft stehen, mit einer Tasse in der Hand. Älter aussehend und in die Ferne blickend.

Und ich fragte sie: Was fühlst du gerade wirklich?

Aber ihre Antwort war überraschend. Es war gar nicht dieser Frieden. Diese ruhige Gelassenheit. Dieses glückliche, erfüllte Ankommen…

Sie sagte: Wehmut. Und Sehnsucht.

Ich fragte sie: Wonach?

Und mein Zukunfts-Ich antwortete:

Nach diesen Momenten, in denen Tom noch so klein war. Diese trivialen Momente, über die ich mich so oft geärgert hatte und die in jenem Moment so bedeutungslos und banal erschienen.

Es waren die Momente, in denen ich im Bad stand und Tom zum Zähneputzen rief. Die Momente, in denen ich oben auf diesem Kissen saß, Kaffee trank und mich nach der „abgeschlossenen“ Zukunft sehnte. Die Momente, in denen ich jeden Morgen mit meinem Hund und meinem Sohn spazieren ging, um beim Bäcker die Brezeln zu holen. Die Momente mit meinem Mann, die ganz trivialen, in denen wir im Auto saßen, vollgepackt mit grünen Säcken im Kofferraum, die wir zum Wertstoffhof fuhren.^^

Es waren genau diese trivialen Momente, die in mir oft die Sehnsucht nach diesem perfekten Leben wachriefen. Nach diesem Leben, in dem wir endlich unser Glück friedvoll genießen, ohne nach irgendetwas zu suchen oder noch auf irgendetwas hinzuarbeiten. Oder auf etwas zu warten.

Dabei sind es jetzt genau diese Momente, nach denen ich mich sehne.

Jetzt bin ich dort. In diesem Leben, nach dem ich mich ein ganzes Leben lang sehnte. Und ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und jeden einzelnen Moment noch mehr genießen. Ihn voll und ganz leben, mit jeder Faser meines Seins. Ohne die Sehnsucht, dass es besser sein müsste.

Ich öffne die Augen und mir laufen die Tränen übers Gesicht. Weil ich die Wehmut meiner Zukunftsversion in mir spüre. Die Wehmut über alles, was vergangen ist. Und wie schnell es vergangen ist. Die Wehmut, weil sie, mein Zukunfts-Ich, die Zeit nicht mehr zurückdrehen kann.

Ich erinnere mich an die Worte meiner Mutter, die immer zu mir sagte: „Marta, genieß diese Jahre. Genieß diese Zeit, so sehr du nur kannst. Stress dich nicht. Mach alles langsam.“

Ich nickte oft nur und dachte: Ja, Mama, mach ich schon.

Aber sie hatte ja so Recht.

Ich erinnere mich an diese Szene aus Interstellar. Meinem Lieblingsfilm. Die Szene, in der der Hauptdarsteller seine Kinder verlässt, um in den Weltraum zu fliegen. Seine Tochter sagte ihm: „Bleib, bleib“, aber er ging. Und erst als er in der fünften Dimension ankam und seine Tochter in Erdenzeit schon eine alte Frau war, sieht er aus der höheren Dimension diesen Moment, in dem seine Tochter ihn warnte. Und er versucht, sich selbst aufzuhalten, und schreit mit: „Bleib, bleib!“ Aber er kann sein altes Ich nicht aufhalten und bricht in Tränen aus.

Ich blicke wieder zum Fenster hinaus. Die Wolken bewegen sich schnell und die Sonne scheint auf die tanzende Birke. Auf ihrer Krone sitzt eine Krähe. Ruhig und beharrlich sitzt sie auf dem feinen Ast, der hin und her schwenkt im Wind. Doch sie lässt sich davon nicht entmutigen. Ich schreibe diese Zeilen und blicke noch einmal nach oben, doch schon ist sie wieder weg.

Ein Gefühl von tiefem Ankommen umhüllt mich wie ein Mantel, von oben herab. Ich erkenne endlich: Zum Glück bin ich noch hier. In der „Vergangenheit“.

Vielleicht will ich gar nicht irgendwo anders ankommen.

Vielleicht will ich all diese Visionen gar nicht erreichen.

Vielleicht will ich gar kein “perfekteres”, noch erfüllteres Leben.

Vielleicht will ich gar nicht mehr vom Leben. Sondern nur erfahren, was es heißt, wirklich im Jetzt zu leben.

Weil wahre Freude, wahrer Reichtum, und alles, was ich jemals brauchte, genau jetzt in diesem Moment zu finden ist.

Wir wollen alle ständig irgendwohin. Irgendetwas erreichen. Kaum sind wir am Ziel angekommen, haben wir schon das nächste Ziel vor Augen. Wir folgen der tiefen Sehnsucht in unseren Herzen. Fühlen uns nie wirklich angekommen, weil eine Vision vom Leben uns ins nächste Abenteuer ruft.

Aber vielleicht ruft die Sehnsucht uns gar nicht nach einem anderen Leben. Sondern danach, das Leben im Hier und Jetzt voll zu genießen und zu entfalten. Vielleicht ruft sie unseren Geist zurück. Den Geist, der sich in der Zukunft verloren hat. Vielleicht ist die Sehnsucht ein Zeichen dafür, dass wir unseren Geist zurückholen dürfen. Ins Hier und Jetzt. Dort, wo die wahre Liebe auf uns wartet.

Das ganze Internet spricht davon, dass wir jemand anderes sein sollten, als wir sind. Unsere Träume leben sollten. Die höchste Version unserer selbst werden sollten. Du weißt schon … all das. Und ja, auch ich habe bis vor Kurzem genau dafür appelliert: die eigenen Träume zu leben, der inneren Sehnsucht zu folgen, die innere Wahrheit zu leben.

Aber was, wenn der eigene Traum, die eigene Sehnsucht, die eigene innere Wahrheit gar nicht danach ruft, weit weg, fern in einem anderen Leben zu leben?

Was, wenn sie uns in Wahrheit danach ruft, im Hier und Jetzt wirklichanzukommen?

Weil das Hier und Jetzt alles ist, was existiert. Weil das Hier und Jetzt der Ort ist, an dem wir all das erfahren können, was wir uns von der Zukunft erhoffen: Liebe, Verbundenheit, Geborgenheit, Ankommen, Frieden.

Es ist alles bereits da. Jetzt. In diesem Moment.

Vielleicht ruft uns unser Herz gar nicht danach, diesen Moment zu verlassen. Vielleicht hat es uns schon immer danach gerufen, diesen Moment lediglich voll zu entfalten. Ihn ganz anzunehmen. Mit all seinen Farben, mit den hellen als auch den dunklen.

Vielleicht ruft uns das Leben die ganze Zeit nur dazu auf, zu erkennen, dass das Jetzt der einzige Ort ist, an dem wir jemals sein sollten. Weil es keinen anderen Ort gibt. Nur das Jetzt.

Und was, wenn all unsere Träume uns gar nicht sagen wollen, dass wir ein neues Leben erschaffen sollten, sondern sie in unseren Herzen sind, um uns zu erinnern, wie sich unser Leben bereits jetzt anfühlen darf?

Was, wenn unsere Visionen nur diesem einen Zweck dienen, uns dabei zu helfen, herauszufinden, wie wir uns im Leben fühlen wollen?

Weil es nie die Dinge sind, die wir erreichen wollen. Das Haus, das viele Geld, die perfekte Beziehung…sondern das Gefühl, das wir uns von diesen Dingen erhoffen.

Meine Vision vom Leben hat mir gezeigt, wie ich mich im Leben fühlen möchte:

Ich will mich angekommen fühlen. Ich will nicht mehr suchen. Ich will gefunden haben. Ich will ruhig und friedvoll sein, mit mir und dem Leben und mit dem, wie es verläuft. Ich will nicht nach vorne rennen, sondern ruhig im Jetzt stehen und dankbar nach hinten blicken. Dankbar für jeden Moment meines bisherigen Lebens. Für jeden Schritt auf der Zeitlinie, der mich hierherbrachte. Ich will es nicht mehr verändern wollen, sondern vielmehr jedes kleine Detail darin noch mehr entfalten. Noch intensiver er-leben. Noch mehr die kleinen, kurzen Momente umarmen, wie eine Mutter, die mit breiten Armen voller Sehnsucht und Freude darauf wartet, ihr Kind wieder in den Armen zu halten.

Ich will in Versöhnung leben. Wissend, dass das Leben nichts als ein einziger, kostbarer, ewiger Moment ist. Ein Moment, der es wert ist, umarmt zu werden. Ein Moment, der für uns ist, und nicht gegen uns.

Es ist unser Moment.

Wie würdest du jetzt auf dein Leben blicken, wenn du tief in dir wüsstest, dass es nichts mehr zu erreichen gäbe? Dass es nichts mehr zu tun gäbe? Dass alles, was du jemals erreichen wolltest, bereits hier ist. In diesem einen unendlichen, grenzenlosen Moment.

Was wäre jetzt anders, wenn du es spüren könntest? Was ist es, das du in deinen Träumen spürst; in den Träumen, die dich vom Jetzt wegbewegen wollen, weil sie dir erzählen, dass irgendwo da vorne und in der Ferne etwas Besseres auf dich wartet?

Was wäre, wenn du wüsstest, dass die beste Zeit jetzt ist? Weil Jetzt alles ist, was jemals sein wird?

Ich sehe wieder mein Zukunfts-Ich. Und es hat noch eine Botschaft für mich:

Nimm den Druck raus. Hab keine Eile. Denn es gibt nichts, für das es zu eilen gilt. Alles ist bereits da. Alles wartet schon auf dich. Darauf, dass du es erkennst und dir annimmst.

„Mama, Essen ist fertig!“, ruft mein Sohn.

Ich kann es kaum erwarten, ihn in die Arme zu nehmen. Ich fühle mich wie nach einer langen Reise wieder zu Hause angekommen. Eine Reise in die Zukunft und zurück, überglücklich darüber, hier zu sein – und über dieses Geschenk, es noch richtig machen zu können: Bewusst. Präsent. Wertschätzend. Sanftmütig. Verzeihend. Mit Humor. Und Leichtigkeit. Nicht mehr so verkrampft. Nicht mehr so wollend. Nicht mehr so eilend. Nicht mehr so schnell…

So gut es mir eben mit meinem Menschenkörper gelingt. Und wenn es mir mal nicht gelingt, dann will ich sanftmütig zu mir sein. Denn ich bin nur ein Mensch. Hier, um zu erfahren, was es heißt, Mensch zu sein. Mit all seinen Facetten.

Was wäre, wenn du den Stift zur Seite legen könntest – oder woran auch immer du gerade arbeitest. Wonach du auch immer strebst. Deine Augen schließt und einmal tief durchatmest. Und erkennst, dass du gar nichts mehr erreichen musst?

Du bist hier, um den Moment zu genießen. Du bist hier, um angstfrei zu leben. Um diese Reise auf Erden mitzugestalten. Zusammen mit dem Göttlichen, aus dem du kommst und das dich führt.

Nimm die Reise nicht so ernst. Erfreue dich am Marienkäfer, der in deinem Garten auf dem kleinen Blatt so ganz unscheinbar die Sonne genießt. Erfreue dich an den kleinen Momenten. An dem Atem deines Hundes, der gerade schlafend neben dir liegt. Erfreue dich an der Tatsache, dass deine Liebsten jetzt in diesem Moment mit dir auf dieser Reise sind. Auch wenn sie physisch vielleicht weiter weg wohnen. Sie sind mit dir hier.

Ich komme im jetzt an. Vielleicht zum ersten Mal so sehr wie noch nie zuvor. Und ich spüre meinen Körper. Jetzt, in diesem Moment, ist alles vollkommen. Ich atme. Und bin einfach nur glücklich, am Leben zu sein.

… Es war eine lange Reise. Eine sehr lange. Und eigentlich führte sie die ganze Zeit nur zu einem Ziel: in den jetzigen Moment.

Und vielleicht geht es genau darum im Leben. Nicht, irgendetwas zu erreichen. Nicht, irgendetwas zu werden. Sondern einfach nur im Jetzt zu sein.

In Liebe,

Marta

Marta Jacobi

Ich begleite Menschen auf ihrem Weg aus der Jobenge in ihre Berufung.

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Wie du dich mit deiner Berufung verbinden kannst