Du willst dich zeigen, aber etwas hält dich zurück?

Ein Einblick in meinen Schreibprozess — und warum Verletzlichkeit kein Stoppschild ist, sondern ein Kompass

Foto: ISAMA Fotografie

Manchmal habe ich diese Momente, bevor ich etwas veröffentliche: Ich will etwas sagen, etwas mit der Welt teilen, aber etwas hält mich zurück. Ich drehe meine Worte, denke nach, schreibe den Satz neu, aber wieder hält mich etwas zurück. Als würden zwei entgegengesetzte Kräfte in mir wirken.

Dann lege ich das Handy weg, schließe die Augen, fühle in meinen Körper hinein und nehme wahr: Das hier fühlt sich gerade anstrengend an. Nicht der richtige Zustand, um etwas zu posten.

Also lass ich los.

Und genau dann zeigt sich der Teil in mir, der eigentlich enthüllt werden wollte: Meine innere Wahrheit. Genau dieser Prozess, den ich gerade erlebt habe. Das Wie hinter dem Wie, von dem ich zuerst dachte, es teilen zu wollen. Mein einzigartiges Erleben.

Aber dann spüre ich diese zarte Öffnung in meinem Solarplexus. „Soll ich das wirklich teilen?” Diese Seite fühlt sich weich an. Meine Verletzlichkeit. Früher habe ich sie als Schwäche gedeutet. Als einen inneren Ort der Unsicherheit, den ich lieber verstecken wollte.

Früher gab ich an dieser Stelle auf und wartete damit, etwas zu teilen, bis ich mich wieder „unverletzlich” fühlte. Und oft dachte ich, dass ich für die Sichtbarkeit vielleicht einfach nicht gemacht sei.

Die Verletzlichkeit war früher mein Stoppschild. Sie war die Stimme, die mir sagte:

Schütz dich lieber. Versteck das lieber. Sag das lieber nicht. Halte das zurück. Nein, zu gefährlich.

Erkennst du dich auch darin wieder?

Die Verletzlichkeit als Kompass — nicht raus aus der Sichtbarkeit, sondern hinein

Was aber, wenn Verletzlichkeit kein Zeichen dafür ist, sich lieber zurückzuhalten, sondern im Gegenteil: die Bestätigung, genau DAS zu teilen?

Genau diese Worte, die aus der Zartheit entstanden sind — weil es genau diese Worte sind, die wahr in dir sind?

Mein eigener Lernprozess und Weg in die öffentliche Sichtbarkeit mit meiner Herzensbotschaft dauert bereits seit 7 Jahren an. Und eines habe ich dabei gelernt:

Verletzlichkeit ist nicht nur eine Emotion. Sie ist vielmehr das, was sich zeigt, wenn wir aufhören, uns von einer bestimmten Seite zeigen zu wollen, und anfangen, alles in uns zuzulassen, während wir uns zeigen.

Ich konnte mit meiner eigenen Verletzlichkeit anfangs nicht gut umgehen, und ich lerne immer noch, mit ihr einen liebevollen Umgang zu pflegen. Früher machte sie mich unsicher. Weckte Schamgefühle in mir. Sie brachte mich dazu, mich zu verstecken, obwohl sich meine Seele nach Ausdruck sehnte.

Ich war in einem Kampf mit meiner Verletzlichkeit. Einerseits wollte ich mich zeigen, doch andererseits mich auch schützen.

Ich verstand sie oft nicht. Was sie mir eigentlich all die Zeit sagen wollte. Aber ich konnte sie auch nicht ignorieren und so stehen lassen. Schließlich strebte ich nach diesem einen inneren Ziel: der Freiheit, mich selbst auszudrücken und wahrhaftig zu zeigen — ohne Angst.

Aber genau das, was ich mir wünschte, brachte auch oft das in mir hervor, was mich zurückhielt.

Immer wieder brachte mich dieser Prozess an meine Grenzen. Weil ich noch nicht bereit war, als ganzer Mensch gesehen zu werden. (In meinem Artikel „Sichtbarkeit – und die liebe Verletzlichkeit” habe ich schon einmal darüber geschrieben.)

Nicht, weil ich nicht gesehen werden wollte — sondern weil ich die Facetten, die ich nicht zeigen wollte, noch nicht integriert hatte.

Und somit ist der Weg in die Sichtbarkeit oft auch ein Weg der Integration. Er zeigt uns unsere Schatten und bewegt uns dazu, uns selbst dort anzunehmen, wo wir glauben, nicht annehmenswert zu sein. Er zeigt uns, wo wir heilen dürfen.

Nicht zuletzt ist für mich der Weg in die Sichtbarkeit auch mein eigener Heilungsweg. Es ist mein eigener Weg der Befreiung und Ermächtigung der Anteile, die sich so lange danach gesehnt hatten.

Heute weiß ich: Die Verletzlichkeit war nie ein Zeichen dafür, mich zu verstecken.

Und weißt du, warum ich das heute weiß?

Weil hinter dieser Verletzlichkeit eine Kraft existiert, die beständig ist. Eine Kraft, die niemals erlischt. Sie ist der Ruf meiner Seele, die sich selbst zum Ausdruck bringen will. Sie ist wie ein roter Faden in einem Buch: Man sieht ihn nicht. Aber er gibt der ganzen Geschichte des Buches eine klare Richtung. Auch wenn es innerhalb der Geschichte viele Umwege und Abzweigungen gibt.

Heute bin ich mir dieser Kraft bewusster als je zuvor. Weil ich mich schon viele Male zurückgezogen hatte, nur um rückblickend immer wieder zu merken: Ich wollte mich nie verstecken.

Das, was ich wirklich wollte, war: Sicherheit.

Die Sicherheit, dass es sicher ist, mich zu zeigen.

Ich glaube, die Pointe, die ich hier mit dir teilen will, ist: Was, wenn die Verletzlichkeit kein Stoppschild ist — sondern ein Zeichen dafür, dass wir lernen dürfen, uns selbst Sicherheit auf dem Weg in die Sichtbarkeit zu geben. Nicht unserem Verstand. Sondern unserem Körper.

Indem wir uns sagen:

„Ja, das hier fühlt sich angreifbar an und unsicher — aber ich bin sicher, auch dann, wenn ich kritisiert werde.”

Weil echte Sicherheit nicht dadurch entsteht, dass wir immer das Richtige sagen und somit niemals eine Angriffsfläche bieten. Sondern oft dadurch, dass wir unsere Wahrheit sagen und merken, dass es uns mit den richtigen Menschen verbindet (und von den falschen entbindet).

Und aus dieser Verbindung zur Außenwelt, zu anderen Menschen — und zwar zu den richtigen — erwächst wahre innere Sicherheit. Die Sicherheit, du selbst zu sein.

Wo hält dich deine Verletzlichkeit gerade zurück – und was, wenn genau das dein nächster Schritt in die Sichtbarkeit ist?

Marta Jacobi

Ich begleite Menschen auf ihrem Weg aus der Jobenge in ihre Berufung.

https://www.martajacobi.de
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